Gina Kaus
* 21.10.1893 Wien, † 23.12.1985 Santa Monica, USAgeborene Regina Wiener, adopt. Kranz, verh. Zirner, verh. Kaus, verh. Frischauer, Pseudonym: Andreas Eckbrecht. Schriftstellerin und Dichtermuse
Die jüdische Familie des Geldvermittlers Max Wiener zieht oft um: ein Jahr nach der Geburt von Regina von der Sterngasse 8 (Innenstadt) in die Berggasse 30, dann vom Alsergrund in die Leopoldstadt (Ferdinandstraße 23) und zurück in den Alsergrund (erst Halmgasse 11, dann ins Haus 15) und schließlich (1913) wieder in die Berggasse (Nummer 8). Um ihr unstetes Elternhaus hinter sich zu lassen, heiratet Regine Wiener bereits mit 20 und folgt ihrem Mann Josef Zirner nach Breslau. 1915 kommt sie als Witwe zurück nach Wien und beginnt zu schreiben. Sie verkehrt im literarischen Kreis des Café Herrenhof, ist befreundet mit den Dichtern der Zeit – Hermann Broch, Franz Blei, Alfred Adler, Robert Musil, Franz Werfel, Karl Kraus –, verbunden mit Kafka-Freundin Milena Jesenska, verliebt in den Schriftsteller Otto Soyka (»Ich hatte einen Geliebten, den ich nicht liebte«). Musil gestaltet später nach ihr die Figur der Alpha in seinem Drama »Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer« (1924); in Werfels Roman »Barbara oder die Frömmigkeit« (1929) ist sie die Hedda Aschermann.
1916 lässt sich die Dichtermuse vom Millionär Josef Kranz zum Schein adoptieren (heißt nun Zirner-Kranz, schreibt unter Pseudonym Andreas Eckbrecht), lässt ihn den Autor und Kritiker Franz Blei als Sekretär engagieren – der ihr Geliebter und Mentor wird und mit dem sie schließlich die Zeitschrift »Summa« gründet. 1917 wird ihre Komödie »Diebe im Haus« im Burgtheater uraufgeführt. 1920 erhält sie für das Theaterstück »Toni« den Goethe-Preis und für ihre Veröffentlichung »Der Aufstieg« den Fontane-Preis; der erzählerische Motor dieser Novelle ist – wie auch 25 Jahre später in ihrem letzten Roman »Der Teufel nebenan« – Alfred Adlers Theorie des »männlichen Protests«. Sie verlässt das Palais Kranz (in der Liechtensteinstraße 53–55) und heiratet den Schriftsteller Otto Kaus, arbeitet in Adlers Frauenberatungsstellen, gibt »Die Mutter« heraus – ein innovatives Magazin für Säuglingspflege und sexuelle Fragen – und schreibt in der »Arbeiterzeitung«.
Mitte der 20er Jahre lebt Gina Kaus in Berlin und schreibt für die »Literarische Welt« und die »Vossische Zeitung«. In ihrem Essay »Die Frau in der Literatur« (1929) resümiert sie: »Es ist erst kurze Zeit her, daß die Frauen zu den Problemen der Realität zugelassen sind. Bis dahin waren sie einerseits selbst Teil der Realität, andererseits Fiktion des Mannes«. 1932 erscheint ihr Bestseller »Die Überfahrt«. 1933 zählt sie zu den »verbrannten Dichtern« (»Nie zuvor war ich in besserer Gesellschaft gewesen«). 1935 hält sich ihr Roman »Katharina die Große« in den USA zwei Monate auf der Bestsellerliste. Ihre Wohnung (seit 1933) im Philipphof am Albertinaplatz wird zum Zentrum für geflohene Schriftsteller aus Deutschland – darunter Bertold Brecht und Helene Weigel. 1938 emigriert Kaus mit ihren Söhnen Otto und Peter aus zweiter Ehe und Lebensabschnittsmann Eduard Frischauer aus Wien über Zürich und Paris in die USA, wird in Hollywood zur gefragten Drehbuchautorin; fünf ihrer Romane werden verfilmt. Während sich Gina Kaus im Emigrantenkreis um Vicky Baum, Bertolt Brecht, Fritz Kortner und Berthold Viertel bewegt, bekommt ihre Halbschwester Steffi, verehelichte Stephanie von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst von Adolf Hitler das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP und von Hermann Göring Max Reinhardts Salzburger Schloss Leopoldskron.
1941 wird die entfremdete, von Geburt her ebenfalls jüdische Verwandte in New York als Hitler-Spionin verhaftet. In Gina Kaus’ 1990 veröffentlichten Memoiren spielt diese Halbschwester die selbe Rolle wie in ihrem Leben: keine Rolle.
(Anmerkung: Als Referenzporträt wurde von Frau Andessner nicht ein authentisches Gina Kaus-Porträt herangezogen, sondern eine Fotografie der Tänzerin Else Altmann)
Ida Pfeiffer