Irene Andessner – Citylights [Wiener Frauen]     03.07.-03.09.2008
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Irene Harand

* 7.09.1900 Wien, † Feb. 1975 New York City

geborene Wedl, Widerstandskämpferin, Journalistin, Buchautorin

Irenes Mutter vergleicht die Religionen mit einer »Musikkapelle, in der alle die selbe Melodie, nur mit verschiedenen Instrumenten spielen«. In diesem toleranten Klima einer evangelisch-protestantischen Familie Franz Wedl wächst Irene mit drei Geschwistern auf – schon früh sensibilisiert für den latenten, in der Schulzeit wiederholt erlebten Antisemitismus. Nach der Pflichtschule kommt sie an die französische Schule im vierten Bezirk. Schon mit 19, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, vermählt sie sich mit dem ehemaligen K.u.K-Offizier Frank Harand. Die Ehe überdauert die Zeiten, bleibt aber kinderlos. 

Ende der zwanziger Jahre stößt Irene Harand zur Kleinrentnerbewegung (»Verband der Kleinrentner und Sparer Österreichs«) des Anwalts und Politikers Dr. Moriz Zalman, der gegenüber der österreichischen Regierung durchsetzen konnte, dass Tausende durch Krieg und ­Inflation um ihre Altersersparnisse gebrachte Kleinrentner vom Staat eine Entschädigung erhielten. Harand wird Zalmans Stellvertreterin, schreibt für dessen Zeitung »Welt am Morgen«. 1930 gründet sie mit ihm die erste »Österreichische Volkspartei« (nicht mit der später aus der Christlichsozialen Partei hervorgegangenen ÖVP identisch), die sich den Kampf gegen Antisemitismus auf ihre Fahnen heftet – bis zur Machtübernahme durch die Einheitspartei Vaterländische Front unter Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß. 1933 gründet Harand die »Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot«, die bald als »Harand-Bewegung« international bekannt wird. Als Sprachrohr gibt das Kommunikationsorgan »Gerechtigkeit« heraus, in dem sie ab September 1933 wöchentlich in einer Auflage von 28.000 Exemplaren über den Antisemitismus berichtet und die Demagogie des NS-Staates, namentlich ihrer Führer und – auch kirchlichen – Unterstützer angreift. 1933 erscheint auch, selbstfinanziert, Harands Streitschrift »So oder So – Die Wahrheit über den Antisemitismus«, 1935 ihr Buch »Sein Kampf – Antwort an Hitler«. 1937 reagiert die Frau, die sich als einzige öffentlich Hitlers »Mein Kampf« widersetzt hat, auf die Münchener Ausstellung »Der ewige Jude« mit einer Verschlussmarkenserie, die Porträts berühmter Juden verbreitet. »Ich muss arbeiten, arbeiten – damit diesen Frieden, dieses Glück alle genießen, und mir meines gönnen«, sagt sie in dieser Zeit. 

Irene Harands Wohnadresse lautet bis 1938 Wien 1, Elisabethstraße 20. Am 12. März, dem Tag des Einmarsches in Österreich, hält sie sich zu Gesprächen in Paris auf. Die Nationalsozialisten setzen ein Kopfgeld von 100.000 Reichsmark auf sie aus und verbrennen ihre ­Bücher öffentlich in Salzburg. Von Frankreich zusammen mit ihrem Ehemann über den Atlantik geflüchtet, kann sie Moriz Zalman noch eine Bürgschaft und eine Professur in den USA beschaffen, doch ihr Mitstreiter kommt nicht mehr aus Deutschland heraus und wird im KZ Sachsenhausen ermordet. Die amerikanische Übersetzung von »Sein Kampf« wird von der Anti-Nazi League 526 an alle öffentlichen Bibliotheken der USA verteilt. In New York gründet Harand mit Emigranten das »Austrian Forum«, das sie von 1960 bis zu ihrem Tod 1975 leitet. 1969 wird Irene Harand mit der Ehrenmedaille »Gerechte unter den Völkern« von der israelischen »Yad Vashem«-Gedenkstätte geehrt. 1971 erhält sie das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. 1975 stirbt sie in New York. 1990 wird auf Initiative von Dr. Peter Marboe, damals ÖVP-Hauptgeschäftsführer, ein 1952 errichteter Gemeindebau in der Judengasse 4 auf »Irene ­Harand Hof« getauft.


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